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Gastbeitrag von Christoph Lehmann, erschienen im Designmagazin POSTR#18 „LUFT“
Irgendwo habe ich mal gehört: »Bei Schrift ist das, was man nicht sieht, mindestens genauso wichtig wie das, was man sieht!« Wahrscheinlich sagte dies ein bedeutender Typograf, dessen Name sich mir sträflicherweise in Luft aufgelöst hat [Wortspiel zweiter Ordnung, bitte entschuldigen!].
Man könnte aber auch sagen, dass Weißraum wie Atemluft ist: Wir nehmen ihn nicht bewusst wahr, und doch spüren wir sofort, wenn er fehlt! Mengentexte ersticken förmlich durch zu enge Laufweiten, zu dichten Zeilenabstand oder zu viel Inhalt auf zu wenig Platz. All das macht das Lesen anstrengend; der Text wirkt gequetscht, gehetzt, außer Atem. Das Handwerk des Typografen besteht also zu einem nicht unwesentlichen Teil aus der Fähigkeit, Pausen zu lassen. Wer typografi sch gestaltet, arbeitet immer auch mit Leere, Raum und Stille. Ein gut gesetzter Fließtext hat Rhythmus, er atmet ruhig und gleichmäßig. Man könnte es gar poetisch ausdrücken: Die Luft zwischen den Zeilen hilft dem Leser, nicht nur die Worte, sondern auch ihre Bedeutung zu erfassen. Zumindest aber schafft sie Struktur, Orientierung und Ruhe. Luft in der Typografie ist damit ein zentrales Element des Schriftsetzerhandwerks. Daher mein Plädoyer an alle Gestalter: Schickt euren Satz ’ne Runde an die frische Luft!
– CL
Christoph Lehmann
ist Dozent für Typografie an der Hochschule Niederrhein, Kommunikationsdesigner M.A., ADC Award-Träger und überhaupt ein netter Kerl. Danke für den POSTR#18 Gastbeitrag zur typografischen Luft | www.christoph-lehmann.de


